Gitarrengeschichte(n): Fernando Sor

Was er sich auf diesem Porträt wohl gedacht hat? Vielleicht: „Ich habe die Scheiß-Kritik über mein Konzert gelesen! Da steh´ ich drüber!“

Tatsächlich hatte Fernando Sor, sicher einer der bedeutendsten Gitarristen in der „Vor-Tarrega-Zeit“, immer wieder etwas eigenartige Konzertkritiken zu erdulden. Aber fangen wir von vorne an.

Jugend im Kloster

Geboren ist Fernando Sor am 13. oder 14. Februar 1778 in Barcelona. Nach dem Tod seines Vaters brachte ihn seine Mutter zur Schulausbildung in das Kloster Montserrat. Dort erhielt er eine umfassende musikalische Ausbildung. Die Gitarre lernte er schon zu Hause kennen. Im Kloster spielte unser Instrument jedoch eine untergeordnete Rolle. Fernando war guter Sänger, lernte Geige, Orgel, Klavier und Kontrapunkt. Er entwickelte eine besondere Faszination für Harmonielehre. Wolf Moser lässt in seinem Buch „Ich, Fernando Sor“ den Helden dieses Beitrages sagen: „Er (sein Lehrer) gab mir noch weitere Regeln, deren Anwendung mir um so mehr gefiel, da sie den Zweck verfolgten, auf angenehme Weise das Ohr zu täuschen.“ Ist da nicht auch etwas Schelmisches im Blick des Porträts oben?

Sor verließ 1795 das Kloster und schlug die Militärlaufbahn ein. Während dieser Zeit komponierte er erste Opern, Orchesterstücke und auch die ersten Stücke für Gitarre. Um das weitere Leben Fernando Sors verstehen zu können, muss man einen Blick auf die Zeit werfen. Die Grenzen Europas waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Kriege und Revolution kräftig durcheinander geschüttelt. Die Französische Revolution bildete neue Ideale und neue Gesellschaftsstrukturen aus. Der Typus des „reisenden Virtuosen“, der auf Fernando Sor in seinem weiteren Leben zutrifft, ist ohne eine bürgerliche Konzertszene und den Aufschwung des häuslichen Musizierens nicht denkbar. Es gab Bedarf an guter Musik und gutem Unterricht!

Reisender Virtuose

Sor verließ Spanien mit den Franzosen, lebte in London, Moskau und spätestens 1826 wieder in Paris. Er hatte Gönnerinnen am russischen Hofe, die leider, bevor es auskömmlich wurde, verstarben. Die „reisenden Virtuosen“ waren so etwas wie die Popstars dieser Zeit. Was Liszt für das Klavier, Paganini für die Geige waren Giuliani, Mertz und Sor für die Gitarre. Sor war gefragter Künstler. Als „Beethoven der Gitarre“ oder „Erste Guitarre-Spieler der Welt“ wurde er betitelt. Das Geschehen hatte jedoch häufig auch etwas von einem Jahrmarktbesuch. Das Publikum war erstaunt, welche Töne man diesem „ärmlichen Instrument“ der Gitarre entlocken kann.
So schrieb die Leipziger “Allgemeine Musikalische Zeitung” 1823 über ein Gitarrensolo von „Monsieur Sor“: „Das Stück bietet eine makellose elegante Harmonie und schien uns von der Ausführung her äußerst schwierig. Wir haben aber bedauert, dass der Klang des Instruments nicht voller war. Monsieur Sor scheint uns diesen wesentlichen Gesichtspunkt eines Instrumentes, das selber zu wenig klangvoll ist, zu sehr vernachlässigt zu haben.“ Ich übersetze das in „Sieht schwer aus was Du spielst. Für gute Musik braucht man jedoch ein richtiges Instrument“.

Entwickler der Spieltechnik

Was Fernando Sor auch heute zu großer Bekanntheit verhilft, sind seine grundsätzlichen Überlegungen zum Gitarrespiel und seine Kompositionen. Festgehalten wurden seine Gedanken zur Haltung und Anschlag in einer Gitarrenschule, die 1830 als „Methode pour la Guitarre“ in Paris erschien. Das Werk war richtungsweisend, aber ein finanzielles Desaster. Es war schlicht zu schwer. Das Publikum wollte schnellere Erfolgserlebnisse. Seine Edüden wurden darauf hin mit steigender Opuszahl immer leichter.

Fernano Sors Werke gehören heute zum Standardrepertoire vieler klassischer Gitarristen. Er bereitete die Weiterentwicklung des Instrumentes durch Torres und die Fortschreibung der Spieltechnik durch Tarrega entscheidend vor.

Wolf Moser lässt in oben schon erwähnten Buch Fernando Sor die Grundsätze seiner Gitarrenmethode zusammenfassen: „1. Mehr die Wirkung der Musik ins Auge fassen als die Lobreden in Bezug auf das Talent als Spieler“. Vielleicht war es das, was er auf dem Bild gedacht hat.

Sor´s “Mozart Variationen” von Yenne Lee interpretiert:


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Quellen:
Wolf Moser: Ich, Fernando Sor
Fritz Buek: Die Gitarre und ihre Meister
Peter Päffgen: Die Gitarre
Hannes Fricke: Mythos Gitarre
Stefan Hackl: Guitaromanie
Fred Seeger: Gitarre

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