Filigrane Klanggemälde per Fingerstyle serviert
Zu Alberto Lombardis Album „The Fermi Paradox“

Filigran fragmentieren und auf verschlungenen Pfaden höchst überraschend neu arrangieren – so lässt sich Alberto Lombardis Methode beim Bearbeiten bekannter Melodien beschreiben. Auf diese Weise werden selbst ausgeleierte Ohrwürmer wie „O sole mio“ zu innovativen Kunstwerken. Entsprechende Kostproben serviert der italienische Gitarrist auf seinem neuen Album „The Fermi Paradox“.

Alberto Lombardi

Newcomer und alte Hase

Einerseits passt auf Alberto Lombardi durchaus das Prädikat „alter Hase“, denn gut 25 Jahre lang konnte er jede Menge Erfahrungen als Studiomusiker und Producer sammeln. Andererseits ist Lombardi aber auch ein Newcomer, bei dem in der Mitte des Lebens das Interesse an der akustischen Gitarre erwachte. Innerhalb einer verhältnismäßig kurzen Zeit entwickelte er seinen ganz persönlichen Finger Style, der sowohl nach Country Picking wie auch nach den akustischen Kaskaden der Jazzgitarristen aus den Fünfzigerjahren klingt. Auf dem Album „The Fermi Paradox“ kommen beide Spielweisen durchaus auch (fast) in Reinkultur vor. Doch damit begnügt sich Lombardi nicht besonders lange, sondern zeigt zum Ärger eingefleischter Puristen schon nach wenigen Takten, wie vortrefflich und fruchtbar sich beide Richtungen miteinander verbinden lassen.

Ennio zwischen Rag Time und Swing

Nun, das ist stilistisch schon ein besonders gut hörbares Ausrufungszeichen. Doch dieser italienische Gitarrenmagier will nicht nur Traditionen vermählen, sondern den daraus generierten Style auf seine höchst eigene Art anwenden – und damit kommt das Fragmentieren ins Spiel. Mit dieser Methode rückt er gleich am Anfang des Albums dem guten alten Ennio Norricone zu Leibe. Dabei führt er die Hörer nur kurzfristig aufs Glatteis, denn statt des möglicherweise erwarteten Medleys bekannter Filmmelodien des Spagetti-Westerns kommt da nur eine blitzschnelle Anspielung auf die zwei glorreichen Halunken angesegelt. Doch schneller als Clint Easwood seinen Colt ziehen kann, ist Lombari schon unterwegs in den Gefilden zwischen Rag Time und Swing.

Höllenritt und Referenz

Dieser Typ hält sich nicht lange irgendwo auf, denn das Feld, ach was, die Welt ist noch voller Stücke, die per Akustik Gitarre seziert und häppchenweise in den Kosmos geworfen werden müssen bis sie sich zu neuen atemberaubenden Gebilden wieder zusammenfinden. Das klingt, als hätte Lombardi Picassos Methode auf die Musik übertragen wobei seine Gitarre zeigt, das sie quasi auch als höchst filigraner Klangpinsel fungieren kann. Es sind also Musikgemälde, die Lombardi da mit leichter, gar beschwingter Hand weniger kubistisch sondern eher expressionistisch in den von Klängen erfüllten Raum wirft, auf dass der Hörer sie mit seinen erwartungsvoll geöffneten Ohren auffängt. Und dann überrascht er zwischendurch erneut mit der plötzlichen und unerwarteten Abkehr von diesem Höllenritt indem er McCartneys „Yesterday“ fast liedhaft offeriert. Eventuell eine besondere Referenz an den alten Beatle?

Zu früh zu Ende

Nun, „The Fermit Paradox“ ist leider ein bisschen kurz geraten – vielleicht weil Alberto Lombardi es so eilig hat. Man möchte sich nach Lucio Dallas „4/3/1943“ keineswegs von den Klängen dieser Gitarre verabschieden und so bleibt nur der Neustart. Das ist jedoch kein Problem, denn selbst nach mehrmaligem Hören bleibt der Zauber, den Lombardi diesen Stücken – den übernommen und den eigenen – verliehen hat, ungebrochen.

Alberto Lombardi „The Fermi Paradox“ Release 7.12.2018

Wir spielen das Album im Webradio und haben Stücke auf unserer Spotify-Playliste.
Homepage: https://www.albertolombardi.com/

Video: How sweet It Is

Autor:

Peter Bachstein
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Geb, 1949, sehbehindert, trotzdem immer unterwegs mit Rucksack und Gitarre. Politisch oft dabei. Kein Bock auf Ruhestand, draußen wartet die Welt.

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