Macht das Spaß? Gitarre üben, bis es weh tut?

Einzelhaft am Instrument

Es gibt bei YouTube Videos von einem lustigen Typ mit Glitzerhut. Die Clips erklären, wie man richtig Gitarre übt. Der Text besteht zu gefühlt 30 Prozent aus einem Wort: Müssen!

Digital neu gewandet kommen da wieder sehr alte Grundüberzeugungen zum Vorschein: Ohne Fleiß kein Preis! Von Nix kommt Nix! Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt!

Auch in Konrad Ragossings „Anleitung zum täglichen Üben“ steht bestimmt viel Richtiges. Leider wirkt aber auch hier der Übeprozess wie eine große, lebenslange Bürde, wie ein Hochleistungssport, der nur durch Einzelhaft am Instrument zu bewältigen ist.

Üben hilft (leider)!

Schon klar: Üben hilft (leider)! Aber muss es wirklich so lustfern und spaßgebremst sein? Sollten nicht unzählige an den eigenen und fremden Ansprüchen gescheiterte Gitarrenschüler etwas nachdenklich machen? Ist Üben nicht viel mehr als „schneller, höher, weiter“? (Sind in diesem Text nicht zu viele Suggestivfragen? ;))

Zeit also, das Postulat „Wenn es keinen Spaß macht, hilft es viel!“ zu überdenken. Zeit für eine lustbetonte Kultur des Gitarreübens!

Vier Kernthesen lustbetonten Übens

Nach längerer „Meditation“ über das Thema komme ich zu vier Kernthesen, die die Freude am Üben erhalten können:

  1. Spiele nie schneller, als Dein Schatten
    Meist hat man das Gefühl: Schnell ist besser! Ich finde, auch für ein Konzert stimmt das nur sehr eingeschränkt. Und für das Üben stimmt es schon gar nicht. Unser Gehirn merkt sich, was wiederholt wird. Das gilt leider auch für Fehler. Spielst Du also so schnell, dass Du Fehler spielst, merkt sich das Dein Gehirn und Du übst die Fehler ein. Das ist nicht wirklich schlau! Und auch der Übespaß kommt bei „überhöhter Geschwindigkeit“ zu kurz. Über Fehler wirst Du dich ärgern. Kannst Du einen schwierigen Lauf jedoch – auch wenn es etwas langsamer ist – spielen, wirst Du dich saumäßig freuen.
  2. Genieße die Blümelein am Wegesrand
    Konfuzius sagt: „Der Weg ist das Ziel“. Er meint vermutlich, wenn Du Gitarre nur auf ein Erfolgserlebnis in weiter Ferne hin übst, ist Frustration wahrscheinlich. Genießt Du hingegen einzelne harmonische Wendungen, kleine Erfolgserlebnisse oder auch ein oder zwei gelungene Takte, kannst Du schon Freude an einem Stück während des Übens entwickeln.
  3. Bleibe in Balance
    Spaß am Üben entwickeln heißt nicht, dass Du dich nicht anstrengen darfst. Wochenlang faul sein kann im Allgemeinen und im Speziellen ziemlich nerven. Gleichzeitig ist hoher Leistungsdruck, unfokussiertes gestreßtes Üben ebenfalls unproduktiv. Es kommt also auf das Gleichgewicht von Anstrengung und Entspannung an. Es lohnt sich diesen „persönlichen Gleichgewichtsbereich“ herauszufinden.
  4. Setze Dir übersichtliche, erreichbare Ziele
    Kaum etwas ist eine so kolossale Spaßbremse wie unerreichbare Ziele. Gut, wenn Du nach einer täglichen Übungsphase sagen kannst: Das habe ich heute geschafft! Kleine Ziel zu stecken ist eine Kunst, denn es setzt voraus, dass man den Überblick hat!

Fazit

Ich glaube nicht, dass es Menschen gibt, die freiwillig über längere Zeit etwas tun, was ihnen keine „innere Befriedigung“ verschafft. Monatelanges Gitarrenüben ohne Belohnung durch ein schönes Erleben ist unwahrscheinlich. Aber gut – Menschen sind unterschiedlich. Ich jedenfalls greife jetzt zur Gitarre. Weil ich besser werden will und Spaß daran habe!

05. 10. 17|Kategorien: angespielt|Tags: , |0 Kommentare

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