Künstliche Intelligenz schreibt Gitarrenmusik auf

Wie Wasser hat Musik verschiedene Aggregatzustände. Sie kommt lebendig als Livemusik, in schöne und glänzende Form gegossen auf CD, wird gestreamt und seit eh und je aufgeschrieben. Da liegt der Gedanke nahe, dass findige Tüftler Brücken zwischen diesen Erscheinungsformen schlagen. Die Wasserkocher oder Eiswürfelmaschinen der Musik gewissermaßen. Programme also, die Noten erkennen, wenn sie eingescannt werden. Niedergeschriebene Noten, die via Midi und anderen Techniken ins Ohr gelangen, kennen wir ja schon länger. Nun also auch: Gespielte Musik wird gleich zu einem Notenblatt verwandelt!

„Gabs schon!“ wirst Du vielleicht sagen. Stimmt. Aber die Firma Klangio mit ihrem Produkt „Guitar2Tabs“ behauptet, diesen Prozess mit künstlicher Intelligenz zu verbinden. Damit wären die Erkennungsraten viel höher.

Ein Start-up bringt der KI die Gitarrentöne bei

„Klangio“ heißt das Unternehmen hinter der Anwendung. Es wurde von zwei jungen Gründern in Karlsruhe ins Leben gerufen. Die erste Idee dazu entstand 2016. Die ersten Apps bezogen sich auf die Melodieerkennung und auf das Erkennen von Klavierstücken. Vor Kurzem hat Klangio die Anwendung zum Erkennen von Gitarrennoten veröffentlicht.

Man setzt auf ein Verfahren, das das Unternehmen „Deep Learning“ getauft hat. Nicht nur die reine Tonhöhenerkennung soll darin abgebildet werden, sondern die KI soll musikalische Zusammenhänge erkennen und auswerten.

Die experimentierfreudige Gitarrist:in füttert den denkenden Roboter wahlweise mit Livemusik, MP3 Dateien oder auch einer Adresse aus YouTube. Das geht über eine App am Smartphone oder über die Webseite selbst. Dann denkt die KI etwas nach, und präsentiert das Ergebnis als PDF, Midi, MusicXML und GuitarPro 5 – Datei.

Angenehm ist die sehr einfache Bedienung. Musik ins Netz schubsen – fast fertig. In der Webversion kann man vorab beispielsweise noch ein paar Angaben zum Tuning, zur Taktart und Tonart machen. Hier wirkt die Anwendung noch nicht ganz fertig. Als Instrument kann man zum Beispiel aus „Akustikgitarre“ und „Akustikgitarre“ wählen. In der App gibt es keine Einstellungen vorab. Die wären dem künstlichen Kollegen aber intelligenterweise hilfreich. Denn bei der Einspielung eines 3/4 Taktes zeigte er sich äußerst starrsinnig und beharrte auf 4/4. Und nein – es lag nicht an mir :). Erweiterungsmöglichkeiten jenseits der gängigen Taktarten bestünden darüber hinaus ja ebenfalls.

Test: Erfolge und Grenzen der Erkennung

Insgesamt ist das Geschehen natürlich sehr faszinierend. Du spielst ein Stück in ein Telefon ein und erhältst beispielsweise eine GuitarPro – Datei davon. Ob das allerdings brauchbar funktioniert, ist von mehreren Faktoren abhängig. Einstimmige Melodien klappen nahezu immer gut. Die Exportmöglichkeiten sind ebenfalls eine feine Sache. Schwieriger wird es, das verwundert nicht, bei komplexeren Stücken. Eine Melodie mit ein paar Basstönen unterlegt (Guarda Me las Vacas von Luis de Narvaez) hatte noch eine gute Erkennung. Bei – zugegeben – einer kleinen Gemeinheit und „Santa Cruz“ von David Qualey zeigte sich der Kollege Roboter eingeschränkt intelligent und schwerhörig: „Nein, bitte keine eigene Komposition!“.

Mit Künstlicher Intelligenz erstelltes Notenblatt
Ergebnis von einem professionell eingespieltem „Guarda Me Las Vacas“

Auch dass man auf der Gitarre Stimmen mit unterschiedlicher Tondauer spielen kann, hat sich bis zur KI noch nicht herumgesprochen. Und es kommt eine weitere Herausforderung hinzu: Der gleiche Ton geht auf der Gitarre auf unterschiedlichen Saiten und damit auch mit unterschiedlichen Fingersätzen und Lagen. So wurde die Pavane von Gaspar Sanz zwar gut erkannt, aber in sehr abenteuerlichen Lagen vorgeschlagen.

Nun, ich will nicht ungerecht sein. So eine künstliche Intelligenz ist ja schließlich auch nur ein Mensch. Aber man sollte schon wissen, dass Kollege KI derzeit auch nicht überfordert werden will.

Ein Fazit: Praxistauglich oder Spielerei?

Vor einigen Jahren bin ich noch mit einem Handscanner über gedruckte Texte gerutscht und habe – meist vergeblich – gehofft, dass ich mir dadurch Arbeit beim Abtippen ersparen würde. Die Sache hat sich entwickelt. Heute erkennt sogar mein iPad meine Handschrift zuverlässig.

„Guitar2Tabs“ wirkt, als befände man sich in einem ähnlichen Prozess. Kennt die Anwender:in den Rahmen, ist das Programm eine Arbeitserleichterung. Je komplexer die Eingabe – umso mehr Nacharbeit. Längerfristig scheint mir der Weg jedoch klar: Die Musizierpraxis wird weiterhin noch digitaler. Und die künstliche Intelligenz wird auch im Erkennen von live eingespielter Musik noch intelligenter werden.

Das Preismodell bei Klangio bezieht sich auf Stücke, die zur Erkennung eingereicht werden. Die ersten 30 Sekunden sind jedoch immer kostenfrei. Das ermöglicht einen Test, bevor die Erkennung des ganzen Stückes bezahlt werden muss. Und es ermöglicht Dir, liebe Leserin und lieber Leser, das Ausprobieren der Anwendung mit Deinem eigenen Lieblingsstück.

Homepage mit Webanwendung: https://guitar2tabs.klangio.com/de

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Guitar2Tabs by Klangio
Guitar2Tabs by Klangio
14 Tage zuvor

Danke für Dein ausführliches und ehrliches Feedback! Damit können wir nun weiter an unserer KI-Anwendung tüfteln:) Für alle, die Guitar2Tabs gerne selbst ausprobieren wollen, können die ersten 30 Sekunden kostenlos testen und wenn ihr mehr Lust bekommt dabei: Mit dem Code %Guitar2Tabs_Gitarrenblog erhaltet ihr bis 01.10. 35% Rabatt.  Probiert es gerne aus! Wir freuen uns auf Euer Feedback.

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