Michael Graefe: Klänge aus dem Haifischbecken

Preisfrage! Was haben ein alter Mann, Herbstblätter, ein Sonnenuntergang und ein altes Volkslied gemeinsam? Sie kommen in den Titeln der neuen CD „Famous Last Notes“ des Gitarristen Michael Graefe vor. Berühmte letzte Noten? „Wie der Titel bereits vermuten lässt, ist dies wahrscheinlich meine letzte Solo-CD.“

Michael Graefe schreibt sich im Booklet den Frust von der Seele. Handgemachte Musik würde nichts mehr zählen und der Haifisch des kommerziellen Erfolges frisst alles auf. Die Illustration des Booklets entsprechend: Der Haifisch schwimmt singend davon und lässt eine zerbrochene Gitarre und einen abgerissenen Gitarristenarm mit „Stinkefinger“ zurück.

So schlimm? Einfach nicht mehr gegen Drumloops und Streaming angekommen? Keine Lust mehr sich gitarristisch „für Nichts“ abzumühen?

Das Album beginnt mit dem Stück „Old Man Walking“. Nach Rotweingenuss torkelt ein alter Mann nach Hause. Rauh, ungeschliffen und mit eigenwilliger Rhythmik trägt Michael Graefe das Instrumentalstück auf seiner 12-saitigen Taylor vor. Die Stimmung eines schönen Herbsttages fängt er auf „Autumn Leaves“ mit drei Instrumenten, flächigem Sound und schöner, eingängiger Melodie ein.

In den beiden ersten Stücken steckt er seine stilistische Bandbreite bereits ab. Leo Kottke schaut als „Held seiner Jugend“ häufig kompositorisch um die Ecke. Die Klänge verschiedener Instrumente werden zelebriert und gezielt eingesetzt. Die Stücke schwanken zwischen stampfenden, manchmal fast wütend und hektisch vorgetragenen Rhythmen wie bei „Running for Money“ und melancholischen Akkorden wie bei „Requiem For An Old Guiter Picker“. Das Album endet mit einem Arrangement von „Der Mond ist aufgegangen“.

Keine Frage – das Album ist spieltechnisch und kompositorisch gelungen. Es führt mit den Instrumentalstücken zu einem starken Statement für „handgemachte Musik“ und für die Kultur des musikalischen Reichtums, in dem auch unbekanntere Musiker ihre Nische finden können.

So wird das vielleicht also tatsächlich die letzte CD des Elmshorner Gitarristen sein. Bestimmt hat er aber nicht seine „letzten Noten“ gespielt. Musiker bleibt man ja trotz alledem immer. Wenn durch diesen kleinen Artikel etwas „famous“ zu den „last notes“ hinzugekommen ist … es würde mich freuen!

Homepage: https://www.relaxrecords.de/
Booklet – Illustrationen von: https://ft-illustration.de/
Das Album ist auf allen bekannten Streamingplattformen zu finden.

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