Neil Young – Searching for a Heart of Gold

Als Songstory-Schreiber hat man es nicht leicht. Will man beispielsweise über das Leben eines gewissen „Neil Young“ schreiben, sind Details, Abstürze, Erfolge, Katastrophen und Höhenflüge so nah beinander, dass es extrem schwierig ist so etwas wie einen „roten Faden“ für die Geschichte zu finden.

Genug gejammert. Denn eigentlich hat Young selbst schon das perfekte Lebensmotto in einem seiner bekanntesten Songs geschrieben: „Searching for a Heart of Gold!“ Und weiter im Text: „And I’m getting old“!

Die Suche nach einem Herz aus Gold hat Neil Young über die Jahre als Idealisten qualifiziert. Vielleicht sogar als Moralisten. Bestimmt aber führte sein Leben durch unwegsames Gelände.

Leben, Zwiespalt und Abstürze

Wie so einige Helden der „Songstorys“ hatte Neil Young eine „Jugend mit Außenseitererfahrung“. Vater Scott Young verlässt die Familie früh. Im Sommer 1951 klagt der sechsjährige Neil nach einem Badeausflug über Schulterschmerzen. Die dramatische Diagnose lautet: Kinderlähmung. Beide Ereignisse kommentiert Young mit trockenem Zynismus: Der Vater hätte ihm wenigstens keine Steine mehr in den Weg legen können und im Krankenhaus sei er an Polio immerhin nicht gestorben.

Dieser komplett unromantische Blick und sein selbstbewusster Glaube an die eigenen Fähigkeiten helfen Young, sich bei Mitschülern, Mitmusikern und Partnern im Musikgeschäft durchzusetzen. Gelegentlich auch um den Preis von verlorenen Freundschaften und beendeten Beziehungen.

Unbeugsam, starrköpfig und ein Träumer geblieben

Unbeugsam geht Neil Young auch seinen Weg in politischen Fragen. Er engagiert sich nachhaltig für familiär geführte landwirtschaftliche Betriebe in den USA, die in der Reagan-Zeit immer mehr an Einkommen und Ansehen verloren. „Farm Aid“ heißt das Benefizfestival, zu dessen Organisatoren er bis heute gehört. Young setzt sich früh und dauerhaft für die Ureinwohner Nordamerikas ein.

Er beantragt als Kanadier die Staatsbürgerschaft der USA, um gegen Trump stimmen zu können. Er arbeitet gegen die Wiederwahl des Orangenmannes und verklagt Trump wegen der Verwendung seines Songs „Rockin´ In The Free World“ zu Wahlkampfzwecken. Er könne es nicht erlauben, dass seine Musik als ‚Titelsong‘ für eine spalterische, unamerikanische Kampagne von Ignoranz und Hass“ benutzt werde, schreibt Young in der Klageschrift.

Den Streamingdienst Spotify verlässt er aus Protest, weil dieser die Plattform für einen Verschwörungstheoretiker bietet. In Umweltfragen engagiert sich Young schon in den 70er-Jahren und bevor der Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlichte.

Bei aller Sturköpfigkeit ist Young ein großer Junge geblieben. Er baut seinen alten Straßenkreuzer als Elektroauto um, steckt viel Zeit und Energie in eine Modelleisenbahn, um mit seinen Kindern spielen zu können. Er wünscht sich bessere Qualität für Musikliebhaber und entwirft einen eigenen Musikplayer. Durch den Misserfolg dieses Projektes versenkt er viel Geld. Er schafft sich und seiner Familie mit der „Broken Arrow Ranch“ ein Zuhause und beschreibt sein Leben in der Autobiografie „Ein Hippie-Traum“.

Musik: Schönheit und Selbsdemontage

Durch die Folgen der Polioerkrankung in der Kindheit ist Young kein gitarristisches Virtuosentum mehr möglich. Und … jetzt mal ehrlich … im eigentlichen und klassischen Sinn „schön“ singt er auch nicht. Aber ähnlich wie Bob Dylan ist es ihm gelungen, zur stilbildenden Ikone der Singer-Songwriter-Bewegung zu werden. Seine Songs gewinnen eben durch seine brüchige, fast verletzlich klingende Stimme an Tiefe. Seine Musik ist ein Gesamtkunstwerk, da fallen ein paar falsch gespielte Noten nicht ins Gewicht.

Sein musikalischer Erfolgsweg beginnt mit Buffalo Springfield. Nach der Trennung der Band wendet sich Young dem ungeschliffenen, direktem Spiel mit seiner Band „Crazy Horse“ zu. Eine erneute Wendung lässt in bei Crosby, Still & Nash einsteigen. Selbstbewusst fordert er die Aufnahme seines Namens in den Titel des bereits erfolgreichen Trios.

Es folgen Scheiben von magischer Schönheit, aber auch von fürchterlicher Selbstdemontage. Depression und Drogensucht brechen sich rauh und ungefiltert Bahn. Dafür sind die guten Songs wahre Klassiker geworden. Young verbindet Folk, Country und Rock auf seine eigene, meisterhafte Art.

1972 erschein sein bekanntestes und wohl auch erfolgreichstes Album „Harvest“. Darauf mit „The Needle and the Damage Done“, „Harvest“ und „A Man Needs a Maid“ gleich mehrere Klassiker. Und eben auch enthalten: „Heart of Gold“. Obwohl Neil Young mit Erfolg immer etwas gefremdelt hat, sagt er: „Ich denke, Harvest ist wahrscheinlich die beste Platte, die ich gemacht habe.“

Heart of Gold – Entstehung und Aufnahme

„This song is simple, even for a guitar beginner who knows only 4 chords. But this song delivers so much emotion and energy to the deepest in my heart.“ schreibt ein Nutzer als Kommentar unter den YouTube-Clip des Songs.

Und auch ein zweites Zitat, nun von einem gewissen Herr Bob Dylan, belegt sowohl die außergewöhnliche Kraft des Songs als auch die Überheblichkeit des Urhebers. Dylan beschwert sich über „Heart of Gold“: „Ich habe es immer gehasst, wenn es im Radio lief. Ich mochte Neil Young immer, aber es störte mich jedes Mal, wenn ich „Heart of Gold“ hörte. Ich würde sagen, das bin ich. Wenn es sich wie ich anhört, sollte es auch ich sein.“

Zufälle spielten bei der Entstehung eine große Rolle. Young „hatte Rücken“, konnte nicht stehen, und griff daher statt zur E-Gitarre zur Akustischen. Zufällig lernte er am Vorabend der Aufnahme den Produzenten Elliott Mazer kennen, ein Studiotermin am Wochenende war frei und einige Studiomusiker konnten (am Wochenende!) zusammengetrommelt werden. Die Musiker waren weder mit Young noch mit dem Song vertraut. Dennoch benötigte es nur zwei Takes. Young drängte alle Musiker zur Schnörkellosigkeit.

Was ist nun aus der „Suche nach einem Herz aus Gold“ in den frühen 70er-Jahren geworden? Der Lebensweg, eines Musikers, der sich nicht verbiegen will und immer noch Träumen folgt? Vielleicht. Vielleicht aber auch „nur“ ein magischer Song mit vier Akkorden!

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