Heitor Villa-Lobos – Gavota Choro

Villa-Lobos

Der Mann ist aus der „klassischen“ Gitarrenliteratur nicht wegzudenken. Sein Leben war schillernd, teilweise skurril, selbstbewusst und kämpferisch. Hier die Geschichte von Heitor Villa-Lobos und seinem Stück „Gavota-Choro“.

Ausflug nach Rio

Versetzten wir uns einen Augenblick in das Rio de Janeiro des Jahres 1887. Eine Stadt, von der der Schriftsteller Stefan Zweig sagt: „Die Schönheit dieser Stadt lässt sich wirklich kaum wiedergeben.“ Auch ein Maler käme mit den tausend Farben und Szenen in einem Leben nicht zurecht.

In diese Stadt wird Heitor Villa-Lobos am 5. März 1887 geboren. Ganz uneingeschränkt schön war das Leben in Rio bei näherer Betrachtung jedoch nicht. Es grassierten Malaria, Cholera, Gelbfieber und andere Infektionskrankheiten. Die Kindersterblichkeit war hoch. Armut war allgegenwärtig.

Der kleine Heitor wuchs in eine musikalische Welt hinein. Ersten Unterricht erhielt er vom Vater an einem Cello. Seine Tante legte mit einem Vortrag vom Wohltemperierten Klavier den Grundstein zu einer lebenslangen Verbundenheit von Villa-Lobos zur Musik Johann Sebastian Bachs. Heitors Mutter wollte, dass ihr Sohn die Medizinerkarriere einschlägt. Zu unserem Glück hatte sie die Rechnung ohne die ungezügelte Musizierlust ihres Sprösslings gemacht. Heitor Villa-Lobos wurde Musiker!

Die Choros in Rio

Um die Eltern nun vollständig vor den Kopf zu stoßen, versank Villa-Lobos in der Szene der Choro-Musik in Rio. Choros wurden in Kneipen, zu Festen und zum Karneval in den Vierteln der „einfachen Leute“ gespielt. Ganz das Gegenteil von Vaters ernsthafter Vorstellung von „heiliger Musik“.

Die Herkunft des Wortes „Choro“ ist nicht geklärt. Zum einen könnte es die Musik charakterisieren, denn das portugiesische Wort bedeutet „Weinen oder Klagen“. Auch möglich, dass „Choro“ auf die Bezeichnung des afrikanischen Tanzes „Xolo“ zurückgeht. Improvisation spielte bei den Choro-Musikern eine herausragende Rolle.

Als sein Vater 1899 an Pocken verstarb, versuchte Villa-Lobos sich und die Familie durch Auftritte mit Choro-Gruppen über Wasser zu halten. Das brachte zwar nicht übermäßig viel ein, aber die Gage wurde sofort bezahlt. Die gitarristischen Fähigkeiten von Villa-Lobos sind umstritten. Als Improvisator und galt er als eher uninspiriert und unflexibel. Als Komponist brachte er es jedoch zu Weltruhm.

Ich kam nicht, um zu lernen!

Um das Jahr 1900 herum begann Villa-Lobos zu komponieren. Zwischen 1908 und 1912 entstand die „Suite Popular Brasileira“. Anfangs also Kompositionen für Gitarre, später Stücke für Cello, Trio und auch Kammermusik. Bis zum Lebensende entstand ein Kosmos aus Konzerten, Fantasien, einer Oper und Sinfonien.

Zwei Zitate beschreiben den Werdegang als Komponist treffend. In Paris stellte er das Musikestablishment selbstbewusst vor Tatsachen: „Ich bin nicht gekommen, um zu lernen, sondern um zu zeigen, was ich gemacht habe.“ Es ist kaum denkbar, dass ein weniger selbstbewusster Südamerikaner eine ähnlich zentrale Rolle als „Nationalkomponist“ eingenommen hätte.

Letzteres wird durch das zweite Zitat beschrieben: „Meine Harmonielehre ist die Landkarte Brasiliens“. Dieses Zitat ist jedoch wohl eher künstlerisch als musikwissenschaftlich zu verstehen. Villa-Lobos hat zwar Brasilien auch in entlegenen Gebieten bereist, zum Teil auch als Mitglied eines Wanderzirkusses, hat jedoch seine Erfahrungen kaum strukturiert erfasst. Er kokettierte zwar immer wieder vor seinem Publikum mit erstaunlichen Geschichten aus dem Urwald, einer historischen Überprüfung halten seine Erzählungen jedoch nicht stand. Weniger charmant und rücksichtsvoll ausgedrückt: Er hat geflunkert!

Villa-Lobos und die Gitarre

Die Gitarre hat im Schaffen des Brasilianers immer eine wichtige Rolle gespielt. Er war selbst Gitarrist und hielt dem Instrument die Treue, auch wenn man sich damit als Komponist „sogar seinen Ruf ruinieren konnte. Ein Musiker, der sich allzu intensiv mit der Gitarre beschäftigte, kam schnell in den Verdacht, seinen Lebensunterhalt in Spelunken und Bordellen zu verdienen.“ (M. Negwer – Verweis siehe unten)

Nun haben sich die Gitarristen diesen zweifelhaften Ruf wahrscheinlich auch rechtschaffen erarbeitet. Dennoch war damit Brasilien der etwas seriöseren Entwicklung der Gitarre (und der Gitarristen???) durch Francisco Tarrega und Antonio Torres ein gutes halbes Jahrhundert hinterher.

Die erste Begegnung von Andres Segovia mit Heitor Villa-Lobos in Paris begann unglücklich. Ohne die Anwesenheit Villa-Lobos zu ahnen, behauptet Segovia bei einem Empfang, dass die Gitarrenwerke des Brasilianers „antigitarristisch“ waren. Zu unorthodox war der Einsatz des kleinen Fingers der rechten und des Daumen der linken Hand.

Durch diesen Abend jedoch schrieb Segovia über Villa-Lobos, dass er ein wirklicher Liebhaber der Gitarre war. Eine Freundschaft und weitere Kompositionen waren die Folge.

Gavota-Choro .. zwei Widersprüche

Zeit, die Fäden dieses Textes zusammenzubinden. Die Gavota-Choro ist Teil der fünfsätzigen Suite Popular Brasileira. Einerseits spiegelt dieser Titel der Komposition die Verbundenheit mit Bachscher Barockmusik. Andererseits ist der Choro südamerikanische Straßenmusik. Traditionelle, meist höfische Musik gemixt mit der improvisatorischen Musik einfacher Leute.

Und der zweite Spannungsbogen: Die Gavotte ist im „Affekt wirklich eine rechte jauchzende Freude“ (Wikipedia), während ein Choro häufig von melancholischen Melodien durchzogen wird. Was wird das nun? Wasser mit Öl mischen? Ente süßsauer? Wanderzirkus und Konzertsaal?

Diese Gegensätze waren natürlich gewollt und Teil der Idee, Übergänge zwischen zwei Kulturen zu schaffen. Und tatsächlich bezieht dieser Gavota-Choro seinen besonderen Reiz aus den Gegensätzen. Schwungvoll und melancholisch. Einfach und harmoniereich. Gewohnt und neu. Ein kleines Stück eines meisterhaften Komponisten und großen Liebhabers der Gitarre!


[Dies ist eine Video-Vorschau. Bei Click werden Daten an YouTube / Google übertragen.]

Mehr über Villa-Lobos könnt ihr in dem Buch von Manuel Negwer „Villa-Lobos – Der Aufbruch der brasilianischen Musik“ lesen. Einige Informationen des Artikels stammen aus diesem Buch. Eine echte Empfehlung!

Podcast des Bayerischen Rundfunks über Villa-Lobos

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