Songstory: Werner Lämmerhirt – Samba an einem ruhigen Sonntag

Lämmerhirt

Was für ein eigenartiger Widerspruch. Einerseits kennen die Superlative über das musikalische Schaffen Werner Lämmerhirts kein Ende. Andererseits steht da ein bescheidener Gitarrenspieler vom Typ „Kumpel“. Beginnen wir mit den Superlativen.

Bescheiden im Etikettenhandel

Gitarrenguru, Großmeister, Folkikone, Wegbereiter … ob ihm diese Bezeichnungen gefallen hätten, ist nicht sicher. Jedoch ist Werner Lämmerhirt sicher ein „Glücksfall für die deutsche Fingerstyle-Szene“ gewesen, wie ihn Ralf Bauer in der AKUSTIK GITARRE bezeichnet hat. Denn er hat unzählige Gitarrist:innen mit seinem Spielstil beeinflusst. In den 70er-Jahren hat er etwas nach Deutschland gebracht, was damals noch kein Allgemeinwissen war: Man kann virtuos und ausgefeilt Gitarre spielen, ohne dass es Klassik oder Jazz ist und Lieder begleiten, ohne Griffe zu schrummeln. Das von ihm ungeliebte Etikett „Vater des Fingerpickings in Deutschland“ trägt er deshalb verdient, auch wenn er selbst sagt: „Ich war einer der ersten, die diese Art von Musik, das Fingerpicking populär gemacht hatten. Aber erfunden habe ich es auch nicht!“

Kleine und große Fluchten

Lämmerhirt ist in Berlin der Nachkriegszeit aufgewachsen. Über Zeltlager und Musik am Lagerfeuer kam er zur Gitarre. „Da gab es die Jugendleiter mit den entsprechenden Griffen, die aus heutiger Sicht natürlich sehr einfach waren, mich aber dennoch total begeistert haben.“ Später dann die Zeit des politischen Umbruchs, einer sich entwickelnden Subkultur mit Protagonisten wie Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt, Hans Dieter Hüsch und Reinhardt Mey. Viele dieser Musiker trafen sich in den späten 60er-Jahren zu Festivals auf der Burg Waldeck. Auf diese Jahre angesprochen sagte Werner Lämmerhirt in einem Interview: „Vom Zeitgeist, vom Feeling und von der naiven Friedfertigkeit ist nichts weiter übrig als die Erinnerung.“

Geprägt haben Lämmerhirt Songpoeten wie Donovan oder Dylan und vor allem auch Protagonisten den Fingerpicking wie Marcel Dadi oder Davey Graham. Seine Zusammenarbeit mit Hannes Wader führt ihn in das professionelle Musikgeschäft. Nach etwa zwei Jahren geht er wieder eigene Wege und erreicht mit seinem Gitarrenspiel ein breites Publikum. Lämmerhirt wurde zur treibenden Kraft der „Fingerpicking-Szene“ in Deutschland.

Die Zeiten änderten sich. Aber, obwohl die Säle der Konzerte kleiner wurden, hat Werner Lämmerhirt sein Publikum immer gefunden. Es ist ihm treu geblieben, wie er sich selbst auch treu geblieben ist. „Ich habe immer das gemacht, was ich wollte und was mir Spaß gemacht hat. Der Zeitgeist war mir sowieso egal.“ sagt er in einem Interview mit Andreas Boer. Die auffälligste musikalische Änderung zu seinen frühen Jahren war, dass Gesang hinzukam. Ab 1992 mit Texten in deutscher Sprache.

„Worüber schreibst Du heute?“ wird er bei YouTube gefragt. „Kleine und große Fluchten! Mit dem klarzukommen, wie es ist. Ich habe eingesehen, dass das Kämpfen sich nicht lohnt.“

Spielstil

Lämmerhirt spielt seine Stücke mit gewaltigem Groove. Häufig charakterisiert ein treibender Wechselbass seine Kompositionen. Sein Picking ist virtuos und routiniert und sein Gitarrenspiel ist über Zweifel erhaben. Letzteres gilt nicht ganz für seine Texte und seinen Gesang. Seine Lieder erzählen Alltagsgeschichten, sein Gesang klingt rauchig und rau. Ich mag das sehr, wenn auch die poetische Kraft eines Hannes Wader oder die stilbildende Textarbeit eines Reinhardt Mey ihm nicht gegeben war.

Samba an einem ruhigen Sonntag

Eines seiner bekanntesten Stücke ist „Samba an einem ruhigen Sonntag“. In der Notenausgabe „Die frühen Jahre“ schreibt er: „Diese Samba von mir ist noch nicht so kompliziert, da der Daumen der rechten Hand fast noch einen Wechselbass spielt. Ihr werdet sehen, wie einfach es geht.“ Richtig ist wohl die Aussage zum Wechselbass. Über „Einfach“ und „Samba“ kann man streiten.

Das Stück hat eine sehr schöne, eingängige Melodie, die Werner Lämmerhirt mit einem Begleitpicking unterlegt hat. Seine Komposition hat ihm wohl auch nach einigen Jahren noch gut gefallen, wenn er in einem Interview sagt: „Es ist aber auch eine schöne Nummer, dieser „Samba“ …. „

Die Notenausgabe von „Die frühen Jahre“ ist im Buchhandel (ISMN M-700070-35-9) oder direkt im Verlag Acoustic Music Books zu bestellen.

Eine halbe Ewigkeit

Seine letztes Album hat Werner Lämmerhirt 2016, kurz vor seinem Tod eingespielt. Beteiligt waren alte Weggefährten wie Günter Pauler von Stockfisch als Produzent und als Gäste an der Gitarre Peter Finger, Biber Hermann, Jens Kommnick und Joscho Stephan.

Es scheint so, als ob er den Übergang in eine neue Welt mit diesem letzten Album schon geplant hätte. Denn als Abschiedsgruß, als er sich von der Bühne zurückzog, schrieb er: „Jede wunderschöne Karriere hat einmal ein Ende. Jetzt ist der Punkt gekommen, wo der Clown mit einem weinenden und einem lachenden Auge die Bühne verlässt und der Vorhang fällt. Aber meine Musik wird ja da sein und für immer bleiben. Nur wird sie nicht mehr von mir gespielt.“


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Thomas Beinhauer
Thomas Beinhauer
6 Monate zuvor

Ja, Werner war wirklich ein ganz bescheidener Mensch.
Das erste Mal sah ich ihn mit Hannes Wader auf einer Tour zur Zeit der „Sieben Lieder“.
Persönlich begegnete ich ihm anlässlich der Beerdigung von Chris Jones mit anschließendem Benefizkonzert. Wir fotografierten beide viel bei diesem Konzert und verabredeten, unsere Fotoausbeute auszutauschen, was wir dann auch taten.
Später traf ich Werner nochmal bei einem Konzert im legendären Schütte-Keller im badischen Bühl, wo er in intimer Atmosphäre ein Konzert gab. Es sollte eines seiner letzten sein, was damals aber noch niemand ahnte. Rüdiger, der Chef des Schütte-Kellers erzählte mir nach dem Konzert noch, dass er sofort mit Werner das nächste Konzert im Keller festmachen wollte. Dazu sollte es nicht mehr kommen, denn kurz danach war er nicht mehr unter uns. Aber wie er selbst schon sagte: Seine Musik wird immer unter uns bleiben. Lebe wohl, Werner!

Thomas Beinhauer
Thomas Beinhauer
Antwort auf  Stefan Kornherr
6 Monate zuvor

Sehr gerne!

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