Vorhin konnte ich’s noch spielen! Blackout-Vorbeugung auf der Gitarre

Das Stück hattest Du schon 1000 Mal gespielt. Die Finger kannten die Bewegungen. Es gab keine Fehler. Und dann kam der große Abend, das Vorspiel, das Konzert. Jetzt alles richtig machen! Aber wie war jetzt genau nochmal dieser Lauf? Und beim Nachdenken passiert es – weg! Stille. Was vorher so sicher schien, ist plötzlich unwiederbringlich im Nirwana verschwunden! Das Publikum pfeift, wirft mit faulen Eiern …

Genug der kleinen Horrorgeschichte. Vielleicht kennst Du aber diese Situation selbst. Was passiert da genau? Warum ist ein so sicher geglaubtes Stück plötzlich nicht mehr erinnerbar? Was geht da in unserem Gehirn vor?

Sagen wir mal so: Deine Finger kennen das Stück, weil Du es so oft gespielt hast. Wenn es aber stressig oder ungewohnt wird, sagen die Finger: „Merken ist doch gar nicht mein Job! Das soll gefälligst das Gehirn machen!“ Und das Gehirn sagt: „Jetzt plötzlich? Kann ich nicht!“ Die beiden wollen sagen, dass es einen Unterschied zwischen dem passiven Gedächtnis aus Gewohnheit und dem aktiven, bewussten Merken von Musikstücken gibt. Was ist also zu tun, wenn Du Dein auswendiges Spiel gegen Störungen, Vergessen und Blackout absichern willst? Hier kommen vier Tipps, mit denen ich gute Erfahrungen gemacht habe.

Luftgitarre spielen – Visualisieren der Bewegungen

„Ich kann nicht üben, bin lange im Zug unterwegs!“ hatte ich zu einem meiner Lehrer gesagt. „Übe halt ohne Gitarre!“, war die Antwort. Üben findet zu einem guten Teil im Kopf statt. Gerade das Merken von Stücken soll ja von den Fingern ins Gehirn. Das bedeutet, wenn ich mir vorstellen kann, was meine Finger auf dem Griffbrett tun, wenn ich weiß, welcher Ton mit welchen Finger zu spielen ist, welche Bewegungen ich machen muss, ist das schon mehr als die halbe Miete. Vielleicht hast Du bei Leistungssportlern schon gesehen, wie sie die Skiabfahrt oder den Sprung mit geschlossenen Augen vorwegnehmen. Meine These: Kann ich ein Stück in der Vorstellung spielen, kann ich es auch ohne Blackout zum Klingen bringen.

Für Superhirne – Noten oder Tabs auswendig

Der gleiche Lehrer (siehe oben) hatte eine weitere (anstrengende) Idee anzubieten. „Ich kann ein Stück erst dann auswendig, wenn ich auch die Noten aufs Papier schreiben könnte“. Die Logik hat sich mir sofort erschlossen, aber nicht gefallen ;). Jedoch – Menschen sind verschieden, lernen unterschiedlich und merken sich Dinge in ihrer eigenen Weise. Zu wissen, was das auf dem Notenblatt steht, auch wenn es nicht vor einem liegt, ist natürlich extrem hilfreich.

Ich verstehe Dich! Merken durch Harmonie

Es ist hilfreich, zu verstehen, was harmonisch in einem Gitarrenstück passiert. Ich behaupte: Niemand, der ein 12-taktiges Bluesschema einmal verstanden hat, wird die Akkordfolge plötzlich beim Konzert nicht mehr spielen können. Für das Erarbeiten und das Merken eines Stückes ist es gut, „wenn man sich kennt“.

Noteingang – Ich bin ein Gitarrist, lasst mich hier rein!

Bei auswendig vorgetragenen Stücken schaffe ich mir einen „Noteingang“. Das heißt – fliege ich irgendwo im Stück heraus und kann nicht mehr weiterspielen, habe ich mehrere Stellen, die ich sicher wieder einsteigen kann. Ich übe und merke diese „Einstiegsstellen“ gesondert und fange übungsweise mein Stück auch häufiger dort an. Ein sehr angenehmer Nebeneffekt ist, dass ich weiß, dass ich einen „Noteingang“ habe und mich deswegen schon sicherer fühle.

Wenn Du mehr über das Thema Blackout-Vorbeugung für Gitarristen wissen möchtest, empfehle ich Dir gerne ein Video von Tatyana Ryzhkova und einen umfangreichen Artikel von Andreas Vandenhoff.

Der Begriff „Blackout“, sagt Wikipedia, meinte ursprünglich das komplette Verlöschen der Scheinwerfer am Ende einer Szene im Theater. So gesehen können wir am Ende des Beitrags unseren Frieden mit ihm machen. Der Blackout ist im Kern nicht böse, eigentlich ein guter Kerl! Wenn er an der richtigen Stelle kommt!

Bilder des Artikels in hoher Auflösung zum freien Gebrauch:

3 Gedanken zu “Vorhin konnte ich’s noch spielen! Blackout-Vorbeugung auf der Gitarre”

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