Der Gitarrist und seine Fingernägel

Endlich haben es wir Saitenzupfer in einen Tatort geschafft: „Der Tote muss Gitarrist sein!“ sagt der Hauptkommissar. Die Hilfssheriffs gucken ratlos … “Die Fingernägel!!“

Nun sind erkennungsdienstliche Vorteile nach einem gewaltsamen Ableben sicher nicht der Hauptgrund für gitarristische Nagelpflege. Was wir vielmehr anstreben ist der schöne Ton und gutes Spielgefühl. Ob dies nun mit Nagel- oder Kuppenspiel zu erreichen ist, war lange umstritten. Im 19. Jahrhundert entbrannte ein Gitarristenstreit, ob mit Kuppe oder Nagel ein kultivierter Ton zu erzielen sei. Francisco Tarrega höchstselbst spielte zunächst mit Fingernägeln, konvertierte gegen Ende seines Wirkens dann aber ins „Kuppenlager“. Aguado, Guliani und Cavalli waren Vertreter des „Nagelspiels“. Sor und Carcassi verachteten es und spielten mit Kuppe. (Im Gegenzug verachten viele Gitarrenschüler nun Sor und Carcassi ;)). Soweit die Historie. Das Spiel mit längeren Fingernägeln an der Anschlagshand hat sich durchgesetzt. Nun stellen sich aber weitere Fragen: Wie Pflegen, wie Feilen und welche Länge?

Fingernageldoping

Manche Menschen sind mit idealen Fingernägeln für das Gitarrenspiel gesegnet. Manche nicht: Zu weich, zu brüchig, zu rissig. Erfreulich, dass es Möglichkeiten des Fingernageldopings gibt! Die Einnahme von Kieselerde (Silizium … nicht zu verwechseln mit Silikon!!) soll Fingernägel widerstandsfähiger machen. Außerdem hilft es gegen Haarausfall. Eine ideale Lösung also für Gitarristen mit gleichzeitig Haar- und Fingernagelschwierigkeiten. Kieselerde gibt es in konzentrierter Form in der Drogerie als Pulver, Tablette oder Glibberschleim. Es ist aber auch in Gerste, Hafer, Kartoffeln, Mohrrüben oder Bier enthalten. Bevor ihr aus künstlerischen Gründen jetzt in den Getränkemarkt zum Bier holen geht: Bei mir hat Kieselerde nie geholfen.

Eher schon Nagelöl. Leicht in den Nagel massiert kann Nagelöl die Nägel härter machen. Auch brüchige oder rissige Nägel können mit .. dem nun schon bekannten .. Silicea und einer Zugabe verschiedener Öle behandelt werden.

Die Form

Menschen sind verschieden. Sie haben unterschiedliche Finger, Fingernägel und eigene Vorstellungen von dem Ton, der aus einer Gitarre kommen soll. Daraus folgt: Es gibt keine allgemeingültig „richtige“ Form. Schwören die einen auf eine abgeflachte Seite am linken Nagelrand, ist es bei anderen genau umgekehrt. Es gibt Gitarristen, die jeden Nagel in einer anderen Form feilen. Und das kann bei unterschiedlicher Handautonomie und Nagelbeschaffenheit durchaus Sinn machen.

Ich nehme die Fingerkuppe des Zeige-, Mittel- und Ringfingers gewissermaßen als „Schablone“ und bevorzuge eine fast symmetrische Form. Den Daumennagel feile ich nach rechts hin abgeflacht. Die „kurze Rampe“ also links. Wie das für Euch persönlich am besten ist? Da hilft nur Ausprobieren!

Auch bei der Länge der Nägel gibt es Vorlieben. Schaut man von der Handinnenfläche aus auf die Hand, sollten die Fingernägel der Anschlagshand ca. ein bis höchstens drei Millimeter überstehen. Das Spielgefühl wird durch die Länge der Fingernägel ganz erheblich beeinflusst. Persönlich mag ich eine eher kürzere Variante, da ich die Tongebung so besser kontrollieren kann.

Grinsender Fingernagel Gitarre
Fingernagel freut sich über schicken Schliff

Das Werkzeug

Was nimmt man nun am besten, um den Nagel in Form zu bringen? Endlich mal eine einfache Frage! Hatte ich in der Anfangszeit als Gitarrist (vor ca. 100 Jahren) noch spezielles Papier von einem Versand bestellt (mit Postkarte), nehme ich nun einfach ein Nagelfeilset aus der Drogerie. Das gibt es in verschiedenen Formen und hat meist vier verschiedene Körnungen von „Kürzen“ bis „Polieren“. Das Polieren macht nicht nur schön :), sondern vermeidet auch Nebengeräusche beim Anschlag.

Mein persönliches Fazit

Ich hatte oft eingerissene oder abgebrochene Nägel. Bevorzugt vor einem Konzert. Nothelfer wie künstliche, unter UV-Licht gehärtete Nägel, Sekundenkleber mit Papiertaschentuch von oben aufgeklebt, amateurhafte Nageltransplantation oder Aufsteckpicks haben für mich kaum funktioniert. Ich mache gute Erfahrungen mit relativ kurzen Nägeln (vermeidet auch Einreißen), einer Hand- und Fingernagelcreme, die ich täglich verwende und regelmäßigem Polieren. Je glatter der Nagel, desto weniger Gefahr des weiteren Einreißens. Über die Form, die für mich am besten funktioniert habe ich schon geschrieben … möchte aber unbedingt und dringend ergänzen, dass es ein kleines Universum an Möglichkeiten gibt. Dave Godman (Fingerpicker und Blueser) spielt mit Alaska Picks, was für Klassiker ein NoGo wäre.

Und zu guter Letzt: Der Nagel ist auch nicht alles im Gitarristenleben. Auch, wenn man im Mordfall darauf reduziert wird.


Linktipps:
Tatyana Ryzhkova erklärt das Thema bei YouTube
Artikel bei Gitarre Hamburg

Welche Erfahrungen hast Du mit dem Anschlag gemacht? Spielst Du mit Nagel, hast Du Tipps für die Pflege oder besondere Schwierigkeiten überwunden? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

2 Gedanken zu “Der Gitarrist und seine Fingernägel”

  1. Ein ewiges Thema … ich kenne Gitarristen, die sich vor jedem Vortragsstück an der Talgdrüse der Nasenflügel noch mehr „Geschmeidigkeit“ für die Nägel holen. Puh ….

    • Ich hoffe, es ist der Nasenflügel außen gemeint ;). Ja, Nagelpflege ist lange und viel diskutiert. Letztendlich hat aber doch jeder so seinen eigenen Spleen.

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